Bild: Marija Kanizaj
Mit seinem neuen Solo-Programm “Schönen guten Abend” hinterfragt Florian Scheuba den Irrsinn der Welt und versucht, gesellschaftliche und vor allem politische Entwicklungen richtig einzuordnen. Zwischen Moskaus nützlichen Idioten und Trumps bewussten Lügen, zwischen Klimakatastrophe, Kriegen und dem Niedergang der Demokratie taucht eine überraschend persönliche Frage aus: “Was ist eigentlich der Sinn des Lebens?”
Florian Scheuba, 60, zählt zu den profiliertesten Kabarettisten, Autoren und Schauspielerns des Landes. Der gebürtige Niederösterreicher gründete 1981 mit Schulfreunden Die Hektiker. 2007/2008 war er (gemeinsam mit Erwin Steinhauer, Thomas Maurer und Rupert Henning) in der satirischen ORF-Serie “Die 4 da” zu sehen, seit 2011 bildet er gemeinsam mit Thomas Maurer und Robert Palfrader Die Staatskünstler.
Der Vater dreier Kinder (und glühende Rapid-Fan) wurde im Lauf der Jahre mit namhaften Preisen geehrt, darunter drei Romy-Awards, der Deutschen Kleinkunstpreis (2001), der Österreichischen Kleinkunstpreis (2004), der Österreichische Kabarettpreis (2015) und der Salzburger Stier (2020).
Im Dezember startet die 12. Staffel seines Falter-Podcasts “Scheuba fragt nach”, im Herbst 2026 soll sein neues Buch – “quasi ein Nachfolger von ‘Wenn das in die Hose geht, sind wir hin'” – erscheinen, der Arbeitstitel ist “Lügen schönlügen”. Am 11. November feiert sein neues Solo-Programm “Schönen guten Abend” unter der Regie von Rupert Henning Premiere im Wiener Stadtsaal.
Ich hatte einfach wieder Lust, allein zu spielen. Und ein bisschen war es ein Nachholen: 2020 wollte ich mit “Scheuba schaut nach” im Simpl auftreten, bei jeder Aufführung hätte ich in dieser Late Night Show einen anderen Gast auf der Bühne gehabt – doch drei Tage vor der ersten Vorstellung kam der erste Corona-Lockdown. Dieses Programm habe ich nie gespielt, aus dem Konzept heraus hat sich aber mein Podcast “Scheuba fragt nach” für den Falter ergeben.
Es ist schon eine recht sportliche Herausforderung. Du bist für alles, was auf der Bühne passiert, selbst verantwortlich, du hast keinen Bühnenpartner als “Geländer” neben dir, an dem du dich festhalten kannst. Aber es macht auch riesigen Spaß und gibt mir die Gelegenheit, persönliche Gedanken einzuarbeiten, die im Ensemble vielleicht nicht so passend wären.
Ich beziehe mich in “Schönen guten Abend” nicht auf die Tagespolitik, sondern schaue mir politische Entwicklungen generell an. Was bedeutet Donald Trump und seine völlige Unberechenbarkeit für uns? Wie funktioniert dieser Desinformationswahnsinn und wie gehen wir damit um? Und das mündet dann tatsächlich in der Frage nach dem Sinn des Lebens.
Ja, für mich selbst schon. Aber auf der Bühne rede ich vor allem darüber, welche Gedanken ich zu diesem Thema habe. Mich beschäftigen diese Umfragen, die mir bei den Recherchen immer wieder untergekommen sind. Ich frage mich schon lang, warum Menschen so Leute wie Donald Trump und andere Populisten wählen. Früher ist man davon ausgegangen, dass das vor allem Modernisierungsverlierer wären. Aber der gemeinsame Nenner in den neuesten Umfragen ist: Das sind Menschen, die keinen Sinn in ihrem Leben sehen. Die frustriert sind. Es gibt eine Grundfrustration, die auf dem Gefühl der Sinnlosigkeit beruht: “Ich kann ja sowieso nichts machen.” Die Wut verwandelt sich in einen Sinnersatz. Und noch etwas ist mir in diesem Zusammenhang klar geworden.
Trump und Co. sind gar keine Populisten. Denn der Populismus sagt: “Freibier für alle!” Dieser neue Sado-Populismus sagt aber: “Kein Bier für die anderen!” – und macht dann das Bier für alle teurer. Es gibt kein Versprechen irgendwelcher tollen Zukunftsvisionen mehr, sondern nur noch ein Benennen von Sündenböcken, die vermeintlich an allem schuld sind.
Stimmt, ich könnte einmal ein Programm über Kleingärtnerei machen (lacht). Aber Politik interessiert mich persönlich einfach mehr. Ich empfinde es grundsätzlich als großes Privileg, dass mir Menschen zuhören. Gerade in Zeiten, in denen so viel Unsinn geredet wird, spüre ich – ganz pathetisch gesagt – eine Verantwortung, dagegenzuhalten und Dinge wieder einzuordnen. Nach dem Motto: “Moment, das schauen wir uns jetzt aber genauer an!”
Lügen. Vor allem die Entwicklung der vergangenen Jahre, dass lügen in der Politik nicht mehr als moralisch verwerflich gilt. Der heutige amerikanische Vize-Präsident JD Vance hat es im Wahlkampf erstmals offen ausgesprochen: “Wenn es darum geht, Geschichten zu kreieren, um in die Medien zu kommen, dann werde ich das tun.” Das war ein offenes Bekenntnis, dass er lügt. Früher ging es Lügnern noch darum, dass man ihnen glaubt. Heute machen sie sich nicht einmal mehr die Mühe, glaubwürdige Lügengeschichten zu konstruieren. Steve Bannon (Anm.: ein Publizist und früherer Berater von Donald Trump) hat diese Strategie auf den Punkt gebracht: “Flood the zone with shit”, also “Fluten wir den Diskurs, die Informationskanäle, mit Scheiße.”
Früher konnten sich Menschen noch empören, wenn ein Lügner ertappt wurde. Aber Trump & Co. wollen eine andere Reaktion, nämlich: “Ach, egal, es lügen doch ohnehin alle.” Und das führt zu einer Destabilisierung unserer Gesellschaft.
Nein, diese Desinformationen haben wir längst schon bei uns. Und ihre Wurzeln liegen in Russland. Im neuen Programm gehe ich zum Beispiel auf die sogenannten “Wegwerf-Agenten” ein: In Deutschland gab es den Fall einer “False Flag”-Operation, bei der die Auspuffröhren von SUVs mit Bauschaum verstopft wurden. Und hinter den Windschutzscheiben steckten Flyer mit dem Aufdruck “Sei grüner” mit einem Foto des damaligen grünen Vizekanzlers Robert Habeck. Diese Sabotage-Aktion hat unter anderem dazu geführt, dass die BILD-Zeitung den Grünen vorgeworfen hat, Autos zu zerstören und Sachbeschädigung zu begehen. Später hat sich herausgestellt, dass die wahren Täter in Deutschland über russische Telegram-Kanäle angeworben wurden. Leute, von denen sie wussten, dass sie in Social-Media-Kanälen Putin-freundliche Botschaften verbreitet haben. Du brauchst heute keine ausgebildeten Agenten mehr, es reichen ein paar Mitläufer.
Russland geht es um die Destabilisierung Europas. Und in manchen Ländern wie Ungarn und der Slowakei waren sie ja schon erfolgreich, Leute wie Viktor Orban oder Robert Fico (Anm. die Ministerpräsidenten von Ungarn, beziehungsweise der Slowakei) halten Putin jetzt schon nichts mehr dagegen. Das geht so weit, dass sie sagen: “Ja, mein Gott, wenn die Russen die Ukraine unbedingt haben wollen, dann geben wir ihnen das einfach.” Und weißt du, was das Lustige dabei ist?
Der Begriff “Moskaus nützliche Idioten” wurde früher benutzt, um linke Friedensbewegungen zu kritisieren. Heute lassen sich Leute wie Herbert Kickl und Harald Vilimsky einspannen – und bei vielen ihrer Wählerinnen und Wählern funktioniert es. Es ist faszinierend zu sehen, wie Impfgegner aus den Coronazeiten heute nahtlos eine Anti-Ukraine-Politik unterstützen. Es sind die gleichen Erzählmuster.
Wie gesagt, es ist mir ein Anliegen, darüber zu reden. Denn: Es ist nicht wurscht! Wahrheit ist kein absolut erreichbares Ziel. Aber es gibt eine klare Richtung. Ich vergleiche das gern mit dem Erdkern: Wir werden es nie schaffen, ganz bis zum Erdkern zu gelangen. Aber wenn wir es versuchen wollen, dann gilt: Wir müssen nach unten graben, und nicht nach oben. Und, um beim Thema Wahrheit zu bleiben: Es ist ein wichtiger Unterschied, ob man sagt: “Es gibt eine Wahrheit, wir müssen sie nur herausarbeiten” oder ob man sagt “Es gibt ohnehin keine Wahrheit.”
Als ich das zum ersten Mal gehört habe, habe ich gedacht: “Oida, was ist jetzt los?” Das klingt ja nach “politischer Korrektheit”. Mittlerweile macht Trump das auch, um Begriffe wie “Rassismus” zu canceln. Ich verarbeite das auch im neuen Programm: Wir leben in Zeiten mit multiplen Bedrohungen – Kriege, die Klimakatastrophe, die auf uns zukommt, der Rückgang der Demokratie. Und dann antworten zwar nur 23 Prozent der Befragten bei einer Umfrage, dass sie zuversichtlich sind, was die Entwicklung der Gesellschaft betrifft. Aber fast 80 Prozent sind zuversichtlich, bezüglich ihrer persönlichen Entwicklung. Da denke ich mir: Wie geht sich das aus? Wie stellt ihr euch vor, dass ihr euch privat von der Entwicklung der Gesellschaft entkoppeln könnt? Für mich geht das fast schon ins Schizophrene hinein.
Das ist natürlich eine negative Entwicklung. Dass ein amerikanischer Präsident aktiv gegen Satire kämpft und sich hinstellt und sagt, er wird dafür sorgen, dass alle Satiriker im Fernsehen abgedreht werden – das hätte vor zehn Jahren niemand für möglich gehalten. Und auch in Österreich gibt es Tendenzen in diese Richtung.
Früher galt es als Zeichen von Souveränität, wie Mächtige auf Satire reagiert haben. Kabarettisten zu klagen, war früher tabu, man hätte sich lächerlich gemacht. Aber heute? Die Tagespresse ist verurteilt worden, Malarina wurde angeklagt. Der Gegenwind hat sich verschärft – weil manche Mächtige meinen, das mittlerweile tun zu können.
Wobei ein Anwalt der Gegenseite in einem Hintergrundgespräch mit einem Journalisten gesagt hat: “Sinn der Klage ist natürlich, dem Scheuba das Maul zu stopfen.” Ja, eh.
Schau, die Situation ist natürlich unangenehm. Das Ganze kostet Zeit. Zeit, Geld und Nerven. Aber würde ich mir das Maul stopfen lassen, hätten sie gewonnen. Deshalb ist dieses Urteil erst recht eine Motivation für mich, weiterzumachen.
Nein. Mein Zugang war immer: Das kann man nicht generell sagen, es kommt immer auf den spezifischen Fall an. Kein Thema ist prinzipiell Tabu. Und schwarzer Humor ist wichtig, denn er ist einfach eine menschliche Strategie zur Bewältigung von schlimmen Ereignissen. Aber schwarzer Humor kann geschmacklos sein, wenn er den Betroffenen unmittelbar unter die Nase gerieben wird. Und wir erleben auch den Missbrauch von Satire. Du kannst nicht irgendwelche rassistischen, hasserfüllten Lügen verbreiten und dann sagen: “Aber das war ja Satire!” Gleichzeitig finde ich aber auch diese Bemühungen einer politisch korrekten Comedy lächerlich.
Weil ein Grundgedanke des Humors sein oft anarchischer Überraschungseffekt ist: verschiedene Gedanken werden verwoben, Geschichten nehmen unerwartete Wendungen. Es entspricht nicht meinem Satireverständnis, jede Pointe dahingehend zu überprüfen, nur ja keine Klischees gegenüber irgendwelchen Gruppen aufzugreifen. Und dazu kommt noch etwas ganz Wichtiges: Humor ist etwas Subjektives. Niemand kann ultimativ festlegen, was lustig ist und was nicht.